Neulich saßen wir abends mit Freunden bei einem Bozner Bier am Obstmarkt und sprachen über Literatur. Das allein ist für mich ein zutiefst erfreuliches Ereignis. Jemand, ich nenne ihn hier ‚jemand‘, aber er ist eigentlich ‚ziemlich jemand‘, erzählte von Ilma Rakusa und ihrer Lesung in der Bibliothek in St. Michael. Ich kannte die Autorin nur vom Namen, das Literaturhaus Zürich beschreibt sie und ihr neues Buch wie folgt: « (Ilma Rakusa) widmet sich in ihrem jüngsten Werk «Wo bleibt das Licht?» (Droschl 2025) in Tagebuchprosa, Gedichten, Monologen und Dialogen den Abgründen und Hoffnungen unserer Gegenwart. Mit klarem Blick und scharfer Urteilskraft richtet sie den Blick auf die Krisenherde der Welt, ringt mit Zweifeln und Verzweiflung, prangert Ungerechtigkeit und Despotismus an und appelliert eindringlich an Menschlichkeit und Vernunft. Ilma Rakusas Gedankenbuch ist jedoch weit mehr als eine Bestandsaufnahme der Gegenwart: Es ist ein poetisches Zeugnis von Empathie, Lebendigkeit und Liebe. In ihren Texten wandert sie gedanklich Seite an Seite mit langjährigen Weggefährten durch Zeit und Raum, erinnert sich an Gespräche und literarische Schätze. Die Vergänglichkeit spielt ebenso eine Rolle wie das Glück im Kleinen und die grosse Bedeutung von Familie, Freundschaft, Literatur und Kunst.». Die Lesung in Eppan muss wohl sehr berührend gewesen sein, die Autorin habe mit feinen Worten auch viel Persönliches erzählt und selbst gekonnt und sehr schön durch den Abend geführt. Ich hörte dem Erzählenden aufmerksam zu und begann darüber nachzudenken, wie unglaublich toll es ist, dass solche Stimmen zu uns nach Südtirol kommen. Zugleich tat es mir sehr leid, dass ich nicht rechtzeitig von diesem Abend erfahren hatte und ich bekam ein schlechtes Gewissen.
Es war nämlich lange Zeit so, dass mich in sehr regelmäßigen Abständen eine ungeheure Lust packte, von hier abzuhauen, weil ‚nichts spannendes passiert‘ und ‚die coolen, schlauen Leute nicht mehr hier leben‘. Seit ich vier Jahre in Wien verbracht und immer wieder mal meinem Südtirol den Rücken gekehrt hatte, wurde es mir hier zwischen den Bergen oft zu eng. Ich leide unter dem allzu Konservativen, dem zu Verkauften, dem zu Perfekten, dem Provinziellen; und damit bin ich natürlich nicht allein. Obwohl dieses kleine Land an Schönheit und Lebensqualität kaum zu übertreffen ist und es wahrscheinlich ein Frevel ist, sich auf diesem Fleck Erde überhaupt über irgendetwas zu beschweren, gibt es doch gute Gründe, von hier wegzuwollen. Vielleicht ist es hier auch zu schön.
Wie dem auch sei – neuerdings beobachte ich eine Gegenbewegung in den Reihen meiner Jahrgangs-, oder sagen wir, Jahrzehntkollegen: sie kommen zurück. Lange nicht alle, längst nicht so viele wie ich es mir wünschen würde, aber doch einige. Und in den letzten Jahren hat sich, obwohl ich es kaum glauben kann und es sich nur sehr langsam in mein Bewusstsein schleicht, in unserem Land (zumindest) etwas in eine sehr erfreuliche Richtung bewegt. Ich sehe Designer heimkommen, Architektinnen, Künstler und Kreative, Journalistinnen und sogar ein, zwei Wissenschaftler. Ich verstehe, warum sie weggehen, und freue mich ungeheuerlich, wenn sie wiederkommen. Meinem Gefühl nach brauchen wir alle ganz dringend! Wir brauchen die schlauen Köpfe, die spannende und mutige Ideen haben und wir brauchen die Gegenpositionen. Wir brauchen diejenigen, die die Welt ein bisschen hierherbringen und zugleich das Heimische (wert)schätzen. Wir brauchen Lösungen, ein gesundes Mittelmaß und vor allem auch Mut zum Weniger – nicht nur im Tourismus und im Klimakontext. Wir brauchen so dringend gute Menschen, die mit Weitblick mitgestalten.
Vielleicht kommt es daher, dass ich selbst älter werde, aber dieses neue kreative Rauschen gibt mir Hoffnung, und lässt mich immer seltener von einem anderen Lebensmittelpunkt träumen. Ich entwickle sogar manchmal eine Art Stolz auf uns Südtiroler und freu mich, dass wir offensichtlich neugierig sind. Ich staune darüber, dass letztens Igor Levit und Marta Agerich innerhalb einer Woche in Bozen waren. Dass auf einmal Florentina Holzinger da war – und Patti Smith im November kommt.
Südtirol als Lebensraum, der sich so 70 % nach Heimat und 30 % nach Welt anfühlt: das wäre mein Traum.
Zum Glück sind unsere Grenzen offen. Und zum Glück schließen sich die (zurückgekommenen) Südtiroler immer öfter zusammen, um die guten Dinge, die sie in der Welt gesehen haben, auch zu uns in die Berge zu bringen. Ein bisschen was davon gab es immer schon, und Vieles erfährt man heute einfacher und schneller als früher. Wahrscheinlich brauchen die Dinge auch Zeit, bis sie wachsen können und an die Oberfläche kommen. Ich jedenfalls liebe alles, was bunt und anders ist und sich so gar nicht nach Südtirol anfühlt. Zwischen TransArt und Lyrik-Tagen, Villa Aurora und Villa Arnica, EuRac und UniBz, Franz Magazin und Salto, Piano Piano und Dekadenz sprudelt es. Nicht nur dort und nicht erst seit gestern, aber glücklicherweise immer öfter.
Ich wünsche mir, dass es so weitergeht. Und dass wir das machen, was in fetten Lettern auf den vom großartigen Studio Mut gestalteten Plakaten zur Neueröffnung des Kulturzentrums Astra steht:
IM ZWEIFEL MACHEN.