Die ersten Septembertage sind besonders. Wir spüren, dass der Sommer zu Ende geht und vermissen ihn bereits, obwohl er eigentlich noch da ist. Die Nächte werden kühler, das Licht verändert sich. September bedeutet Neuanfang, schon in der Kindheit. Es geht zurück in die Schule, endlich die Freunde wieder täglich sehen – immer ein bisschen hin und hergerissen zwischen Nostalgie und Aufbruchsstimmung.
Der Alltag kehrt in die Städte zurück, alle laufen wieder geschäftig durch die Straßen. Morgens um halb acht braucht man wieder viel Geduld, wenn man von Bozen nach Girlan fährt. Und die Menschen haben noch die Farbe des Sommers im Gesicht. Rosa Wangen erzählen von langen Strandspaziergängen und Wanderungen in den Bergen. Oder vom versehentlichen Einschlafen auf dem Segelboot in der prallen Sonne auf offenem Meer.
Der September vergeht schneller als die anderen Monate, eigentlich ist er ein kurzer Augenblick.
Ich mochte den September immer schon.
Wenn man auf einem Weingut aufwächst, bedeutet diese Zeit aber noch viel mehr. September ist Erntezeit. Und die Tage davor, kurz bevor es wirklich losgeht, sind die spannendsten. Dieses „auf den richtigen Moment warten“ gehört zu meinen frühesten Erinnerungen. Es war immer ein bisschen wie das erwartungsvolle Träumen vor Weihnachten, mit dem Unterschied, dass man nie genau weiß, wann es wirklich soweit ist. Aber es gibt untrügliche Zeichen: der Geruch der reifen Früchte mischt sich in die Luft, Vögel naschen von den Beeren, der ein oder andere ungeduldige Weinbauer in der Nachbarschaft kann nicht anders, als ein zweites Mal seinen Weinberg zu mulchen, einfach um die Zeit zu überbrücken.
Als ich klein war, verbrachte ich diese Tage damit, durch die Weinberge zu streifen und von den Trauben zu kosten. Natürlich war ich mit meinen ersten Proben immer viel zu früh dran und dieses elektrisierende Gefühl im Mund, der Geschmack von sauren, unreifen Trauben ist für mich seit damals eine sensorische Referenz.
Aber je näher die Lese rückte, desto süßer wurde es. Irgendwann schmeckten die Trauben besser als jedes Eis, das ich im Laufe des Sommers gegessen hatte. Meine Finger klebten nach den Spaziergängen immer stärker. Dann wusste ich, dass es bald losging.
Kaum etwas kann den Reifegrad von Trauben präziser widerspiegeln als der Ausdruck auf den Gesichtern meiner Brüder damals, als sie die Beeren auf ihren Zungen platzen ließen.
Aber je älter man wird, je mehr man erfahren hat, desto schwieriger wird die Entscheidung. Nichts ist wichtiger als der ideale Lesezeitpunkt. Aber – wann ist der genau?
Mein Vater begegnet jeder Lese mit frischer Neugierde. Er betont immer wieder, dass er noch nie zwei gleiche Jahrgänge erlebt hat – und mit über vierzig Ernten kann er da durchaus aus Erfahrung sprechen. Jedes Jahr ist anders. Jeder Winter legt seine Grundsteine, jeder Sommer schreibt neue Geschichten. Fast nie ähneln sich aufeinanderfolgende Jahre. Sehr oft ist all das, was man im Vorjahr schmerzlich lernen musste und scheinbar verstanden hatte, für den Folgejahrgang unerheblich. Ich staune immer wieder, wie sich mein Vater die Eigenheiten jedes Jahrgangs einprägt und merkt. – „2003? Das war das erste richtig heiße Jahr. – 2011? Na unglaublich, dieser Hagel am 27. August. – 1995? Maria, ein super Jahrgang. Da hat alles gestimmt.“
All diese Dinge sollte man als ernsthafte Weinbergs-Kennerin im Langzeitgedächtnis speichern, um bereit zu sein, wenn wieder einmal „so ein Jahr kommt“.
Allerdings, „genau so ein Jahr“ kommt nie wieder. Jeder Herbst ist ein kleiner Anfang. Anfang ist schwierig. Aber Anfang ist bekanntlich auch Zauber, und eine neue Möglichkeit.
« die Üblichen haben schon lange angefangen … ja nicht zu viel Alkohol … warum sind die pH-Werte schon wieder so hoch?… eigentlich schmecken die Trauben noch gar nicht wirklich … da fehlt noch Süße … die Kerne sind unreif … wie ist das Fruchtfleisch? … wie fühlt sich die Schale an?… Morgen soll ein Mittelmeertief auf Polarluft treffen, genau über uns … Zwei Tage Regen … da könnten die Schalen platzen … halten die Chardonnay das aus? … einen Temperatursturz soll es geben … endlich kühle Nächte, das ist sehr gut für den Geschmack … „Wie schön wäre es, wenn wir die Hälfte schon gelesen hätten, dann wäre es heil im Keller“, sagt mein Bruder … „Ich habe vorhin genascht, die Blauburgunder neben meinem Garten schmecken sehr gut. Ich organisiere also mal die Erntehelfer für morgen“, sagt meine Mama … „Die Trauben sind’s noch nicht, warten wir bis Ende nächster Woche“, sagt mein Papa … „Bist du wahnsinnig, sogar die Genossenschaften fangen am Dienstag schon an“, ruft mein Bruder … „Im Burgund regnets schon wieder, die fangen auch erst Mitte September an. Clothilde Lafarge hat eine nasse Weinbergschnecke gepostet“, sage ich … »
In einer Familie, in der alle mitreden, gleichen die Tage vor der Ernte einer nicht enden wollenden Sitzung im italienischen Parlament. Ordnung gibt es, wenn überhaupt, nur an der Oberfläche, der Rest ist lebendiges Chaos. Die Keller werden geputzt, Kisten werden gesäubert, Scheren geschliffen, Fässer zurechtgerückt, Maschinen in Position gebracht.
Reifeanalysen und Wettervorhersagen treffen auf Intuition, Geschmack und Bauchgefühl. Ein ständiger Austausch, ein Abgleichen von Meinungen und Gespür. Und all das immer auch im Kontext eines kleinen Weinlandes, in dem sehr genau geschaut wird, was die anderen machen. In dem besprochen wird, was der Markt sucht, wie die Weine „sein sollten“. Wir merken wieder, dass wir uns inmitten einer vom Genossenschaftswesen geprägten Realität befinden, in die sich letzthin auch mehr junge „wilde“ Weingüter mischen, die ganz neue Wege gehen. Keiner Gruppe fühlen wir uns zugehörig; wir und unsere Weine sind anders, waren es immer. Eigenständig, aber im Entscheidenden dann auch ganz auf uns allein gestellt. Daran denken wir im hektischen Sommeralltag wenig, aber in den Tagen vor der Lese spüren wir es. Vielleicht sind wir dann sensibler, vielleicht hinterfragen wir mehr. Wir balancieren in diesem Spannungsfeld und versuchen uns den Blick nach außen ebenso wie ein gutes Maß an Standfestigkeit und Sicherheit zu bewahren. Zuhören, die Augen nicht vor dem Umfeld verschließen und doch immer wieder bei uns bleiben, bei unserem Weg.
Wir wünschen uns jedes Jahr, dass wir den Moment der Ernte so treffen, dass der Wein seinen Charakter am besten zeigen kann. Am echtesten. Dass er am Ende im Glas ganz viel erzählt. Von seiner Heimat, die von Kühle und Wärme, von Norden und von Süden geprägt ist. Von seinem Weinbergsjahr. Von den Sonnenstunden, von den Regentagen und von den Sommergewittern. Von den ganzen Momenten mit uns, die ihn gepflegt haben und von unseren Händen, die ihn berührt haben. Von den tausenden kleinen, geheimnisvollen Besonderheiten.
Ich gehe nochmal in die Weinberge. Koste noch eine Beere. Frage meinen Bauch, was er meint.
Morgen geht’s los. Ich freu mich.