Im Juni vor zwei Jahren bin ich zum ersten Mal Thomas Bernhard begegnet.
Es fing damit an, dass mir aus „Gehen“ vorgelesen wurde. Der Vorlesende war ein feiner Leser, er wollte sich nicht durch besondere Betonung oder größenwahnsinnige Pausen selbst mitteilen. Ich habe unglaublich gerne zugehört und gespannt dieser neuen, so anderen Sprache gelauscht. Aber bald schon blieb das Buch beim Vorlesenden und ich sozusagen ohne Bernhard.
Es vergingen ein paar Tage, und ich merkte, dass er mich einfach nicht mehr losließ. Also ging ich in die nächste Buchhandlung und fragte, ob sie ein Buch von Thomas Bernhard hätten. Sie hatten nichts, auch nicht in der zweiten Buchhandlung. Erst in der Wagnerschen Buchhandlung in Innsbruck gab es eins. Es war „Gehen“ und ich kaufte es.
Ich las alles mögliche über Bernhard, schaute mir seine Monologe auf Mallorca an (sehenswert!), aber fand erstaunlicherweise nicht mehr wirklich zu seinem Buch zurück.
Einige Wochen später reiste ich nach Salzburg, und weil ich nicht schlafen konnte, ging ich nachts ins Bücherzimmer meines Hotels. Ganz oben im Regal – ich kam gar nicht ran ohne auf einen Stuhl zu steigen – stand der „Briefwechsel“ zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld. Ich begann zu lesen, lachte und staunte und konnte nicht mehr aufhören, bestimmt bis drei Uhr morgens ging das so. Unseld war beeindruckend, aber Bernhard war unglaublich. Und miteinander waren sie für mich eine Entdeckung. Am nächsten Tag ging ich in die Buchhandlung Höllrigl und wollte das Buch kaufen, aber sie hatten es nicht. Ich kaufte „Heldenplatz“, „Das Kalkwerk“ und „Wittgensteins Neffe“, aber der „Briefwechsel“ fehlte. Fast hätte ich das Buch aus dem Hotel gestohlen. Ich merkte, ich war süchtig. Dann die Lösung: das Hörbuch, großartig gelesen von Peter Simonischek und Gert Voss. Es begleitete mich für den restlichen Sommer.
Und natürlich verliebte ich mich ein bisschen in Bernhard, der ja schon lange tot war zu dem Zeitpunkt und den die Südtiroler Buchhandlungen nicht mehr führen. Ich fragte mich ernsthaft, was mich an diesem Menschen so faszinierte. Er war so anders als ich, so dunkel und zynisch, aber auch so großartig auf den Punkt, so treffend. Er schreibt und spricht wie mit einem Skalpell, und legt damit schonungslos offen, was mir und meiner gutgläubigen Natur manchmal verborgen, manchmal schlicht unbeschreiblich blieb. Oft sprach er mir auch aus der Seele, obwohl ich es mir selbst kaum eingestehen wollte, sprach das aus, was mir im Hals stecken blieb. Auf einmal konnte ich Vieles von dem, was ich an mir seltsam fand und bei dem ich mich oft einsam fühlte – so, als wäre nur ich anders als alle anderen – bei ihm finden. Er öffnete mir eine neue Tür, einen neuen Blick auf die Welt, ließ mich die Dinge glasklar sehen und gab meinen frechen, gewagteren Gedanken Ausdruck. Er gab mir Worte für Vieles, von dem ich dachte, dass man es nicht sagen durfte.
»Der Mensch geht immer nur so weit, wie er glaubt, daß die Welt geht.«
Seit ich Bernhard lese, bin ich mutiger geworden.
Ich wollte ihn noch besser verstehen, seine Landschaften kennenlernen, also machte ich mich Ende August, kurz bevor die Lese losging, auf den Weg und reiste ihm nach.
Von Bozen fuhr ich nach Udine, um nach Jahren endlich an der Universität mein Diplom abzuholen. Dann ging es weiter in Richtung Triest, irgendwo unter Rilke’s Duino und ganz in der Nähe des von den Habsburgern erbauten Castello Miramare setzte ich mich ans Meer, trank ein Glas Vitovska und ließ Bernhard schimpfen. Erstaunlicherweise war er dieser Hafenstadt sehr freundlich gesinnt, zumindest hat er sich nie öffentlich über sie aufgeregt, und das war ja auch schon einiges.
Nach einer kurzen Mittagspause und einer Runde schwimmen in den „Topolini“, einer bemerkenswert eleganten, öffentlichen Badeanlage in der Pineta di Barcola, überquerte ich die Grenze und bewegte mich über den Karst immer weiter, einmal quer durch Slowenien, bis ich abends in der Südsteiermark ankam. Ich wollte an diesem Tag noch nach Wien, aber ohne den kurzen Umweg über die Weinberge konnte ich nicht weiterfahren. Ich bog ab und schlängelte mich hoch bis zur berühmten Lage „Zieregg“. Es hatte kurz vorher ein Gewitter gegeben und nun hingen noch Nebel in den Hügeln und Wassertropfen in der Luft – aber die untergehende Sonne hatte sich nochmal durchgesetzt und tauchte alles in ein fast magisches Licht.



Nachts erreichte ich Wien. Obwohl ich die Stadt liebe, habe ich doch auch oft mit ihr gehadert. Nie allerdings hätte ich meine Störgefühle so schön äußern können:
„Wien ist eine Stadt, in welcher man die Menschen verabscheuen lernt, weil sie sich hier gegenseitig und ununterbrochen erniedrigen, dachte ich, Wien ist eine mörderische Stadt, und wenn man nicht rechtzeitig ausbricht aus ihr, wird man von ihr umgebracht und wenn nicht umgebracht, so doch verkrüppelt.“
Hier war Bernhard an vielen Ecken zu spüren. Im Kunsthistorischen Museum, am Heldenplatz, im Cafe Bräunerhof. In bester Begleitung meiner lieben Freundin Kaitlyn, die zwar aus Florida kommt und in New York lebt, aber trotzdem Thomas Bernhard kennt (das ist nur eine ihrer vielen Großartigkeiten), suchte ich ihn in den kommenden Tagen überall. Es tat gut, es war ein anderes Wien. Überhaupt war es ein neuer, unterhaltsamer, provokanter Blick.
„In Wien muss man aufpassen, dass man nicht augenblicklich abstumpft. Diese Stadt ist eine einzige Zumutung für jeden, der noch einen Funken Geist in sich trägt.“



Meine Reise endete in Ohlsdorf bei Gmunden. Das Abendlicht leuchtete die kleinen Äpfel an, die fröhlich an den Bäumen vor dem alten Bauernhaus hingen. Er hatte diesen Ort als „Denk- und Schreibkerker“ bezeichnet, als Zuflucht und Versteck vor der Öffentlichkeit.
„Die Menschen in dieser Gegend sind von einer monumentalen Gefühllosigkeit, die sie hinter einer Fassade aus Gemütlichkeit und Brauchtum verstecken.“
Das Raue des Traunviertels, die Einsamkeit der Menschen, den “Stumpfsinn” seiner Österreicher, spürte ich an diesem späten Augustabend nicht. Eher wirkte hier alles schön, fast idyllisch, nichts lud zur Beschwerde ein.
Vielleicht kam die Inspiration zum Schimpfen, das Dunkle und Zynische, aber auch seine unvergleichliche Komik dann doch vielmehr aus Thomas Bernhards Innerem.